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Siebzehneinhalb
Er hockte eines Morgens
vor der Haustüre, gurrte mich zur Begrüßung an.
Er hatte die gleiche rostrote Farbe wie die Fliesen vor dem Haus. Ein kleiner
roter Kater, vier weiße Pfötchen, weiße Schwanzspitze, Gesicht und Brust
ebenfalls weiß. Zwei gelbe Augen sahen mich forschend, vorsichtig abwartend an.
Als ich auf ihn zuging, rannte er nicht weg,
blieb allerdings fluchtbereit, sitzen. Ich stellte ihm ein Schüsselchen
Trockenfutter hin, trat einige Schritte zurück. Er fraß, nicht gierig, gesittet,
würde man beim Menschen sagen. Trank anschließend einige Schlückchen Wasser aus
dem vollen Kübel neben der Türe des Abstellraumes. Nach dem Fressen warf er mir
einen anerkennenden Blick zu, gurrte sein Dankeschön, begann sich hingebungsvoll
zu putzen.
Abends war er immer noch da, saß auf einem Terrassenstuhl machte keine Anstalten
wieder dorthin zu gehen, wo er hergekommen war. Er streckte sich, gähnte, glitt
elegant vom Stuhl auf den Boden, gurrte. Dieses Gurren drückte all seine Gefühle
aus. Hell mit kleinen Kieksern, wenn er Freude empfand. War er in Eile, gurrte
er abgehackt und wenn er ärgerlich, ungeduldig wurde, benützte er die komplette
Tonleiter.
Nach ausgiebiger Fellpflege wurde er regelrecht böse, wagte ich es ihn zu
streicheln, biss meine Finger weg. Sofort wurde die Stelle wieder ordentlich
geputzt, die von meiner Hand verstrubbelt war.
Wochenlang, jedes Mal, wenn ich vor das Haus kam saß er davor. Sah mich mit
schlitzbreit geöffneten Augen an, begrüßte mich freudig gurrend. Nachts schlief
er auf einem Terrassenstuhl. Er hatte beschlossen zu bleiben.
Nach einigen Wochen war er eines Morgens nicht da. Kein Gurren, kein Roter
Kater. Der Garten war leer, ohne Leben. Er fehlte mir, ich vermisste sein
Gurren. In jeder freien Minute lief ich vor das Haus, hörte nach vier langen
Tagen nachts sein „Purr“ sah nur die weiße Schwanzspitze die eilig Richtung
Futterstelle am Abstellraum schwebte.
Er lebte namenlos gut ein halbes Jahr vor meinem Haus, als er mich nach einem
Frühstück verabschiedend ansah, den Berg hinunter lief. Die weiße Schwanzspitze
wehte wie eine kleine Fahne hoch über seinem Körper. Ich rief ihm nach: „hast du
schon wieder ein Têt-a-Tête".
Mitten im Lauf blieb er stehen, kam eilig gurrend zu mir zurück, schmeichelte um
meine Beine. Seit diesem Morgen rief ich ihn Teté und er kam, egal woher sofort
zu mir, sofern er mich nur hören konnte.
Wenn er beim Haus war lief er mir im Garten wie ein kleiner Hund hinterher.
Begleitete mich jeden Morgen mit hocherhobenem Schwanz hinunter zum Briefkasten
an der Straße, sprang vor meinen Füßen im Zick-Zack, wieder mit mir den Weg hoch
zum Haus.
Er liebte die Gartenarbeit und ich musste mich sehr in Acht nehmen, dass ich ihm
nicht versehentlich in seine helfenden Pfoten hackte. Rollte ich den
Gartenschlauch auf, hing er mit allen vier Pfoten klammernd daran, ließ sich am
Schlauch hängend mitziehen.
Und immer wieder verschwand er tagelang. Saß dann irgendwann nachts vor dem
Haus, ausgehungert, etwas dünner geworden, aber immer unversehrt und munter.
Ich brachte ihn zum Kastrieren, mit der Hoffnung er würde die Streunerei
aufgeben.
Doch kurz nach der Kastration war er drei lange Wochen verschwunden. Vergeblich
hatte ich ihn tagelang überall gesucht und gerufen. Und gerade als ich mich
damit abfand, ihn nie mehr zu sehen, stand er morgens gurrend vor der Haustüre.
Strahlte mich an, strich um meine Beine und erzählte mir, minutenlang gurrend,
was er die letzten Wochen Schreckliches erlebt hatte.
Teté brachte nach jedem Ausflug einen neuen Katzenfreund oder Freundin mit.
Auch Ferdinand den Grau-Weißen und den fast blinden Weißen, beide wild und
überaus scheu, hatte Teté angeschleppt. Sie lebten fast zehn Jahre freiwillig
vor meinem Haus. Im Sommer schliefen sie unter den Büschen im Garten. Im Winter
auf den Gartenstühlen, die ich mit Plastikplanen abdeckte um sie vor Regen und
Kälte im Schlaf zu schützen.
Teté durfte ich nicht hochheben, streicheln gerade noch, mehr Zuneigung war von
seiner Seite aus nicht erwünscht, verbalen Austausch in allen Tonarten jedoch
liebte er.
Tagsüber schlief er im Winter gerne zwei oder drei Stunden auf dem Sofa am
Kamin. Wollte dann aber unbedingt wieder hinaus. Ging zur Eingangstür, stand auf
den Hinterpfoten machte sich lang, versuchte mit einer Pfote die Klinke herunter
zu ziehen. Diese Anstrengung wurde mit allen möglichen Gurrlauten akustisch
gemeldet, solange, bis ich ihm die Tür öffnete.
Saß ich im Winter abends am Computer, rollte er sich auf meinem Schoß ein.
Schlief selig auf meinen Knien bis meine Beine ebenfalls eingeschlafen waren.
Versuchte ab und zu selbst zu schreiben. Schob vorsichtig eine Pfote auf die
Tasten und mit dem Köpfchen meine Hand zur Seite.
Im Sommer drehte ich frühmorgens die Markise aus, Teté wartete nur darauf
anschließend schnell mit ins Haus zu schlüpfen. Warf sich auf den kühlen
Fliesenboden. Schaute mich unverwandt an, damit ich auf keinen Fall vergaß die
ihm täglich zustehende Schale Nassfutter zu öffnen. Nach dem Frühstück putzte er
sich ein Weilchen sorgfältig, marschierte dann Richtung Haustür, wollte wieder
ins Freie.
Immer, wenn Teté auf Tour war, war ich voller Sorge und Unruhe, ging ständig
vor das Haus, lauschte ob ich ihn nicht irgendwo gurren hörte. War froh und
erleichtert, wenn ich ihn sah, er mit hochgestelltem Schwanz auf mich zu rannte,
mir mit „gurr-purr“ aufgeregt in allen Tonlagen erzählte welche Abenteuer er
abermals überstanden hat.
Ich lebe in einem alten Bauernhaus in einem kleinen, gottverlassenen Tal in
Andalusien. Wenn Freunde mich besuchten fragten sie stets:
„Sag mal wie viele Katzen hast du jetzt...?“
„Im Moment sind es Siebzehneinhalb...“
Denn Teté war seit Tagen wieder spurlos verschwunden.
Dann stellte sich eines Tages die Überlegung nach Deutschland zurück zu ziehen.
Aus Altersgründen, aus Gesundheitsgründen, aus Bequemlichkeitsgründen, aus
vielen Gründen. Deutschland war meine Heimat, meine Abenteuerlust, der Wunsch
nach Einsamkeit war nach 16 Jahren Andalusien restlos gestillt, konnte plötzlich
Robinson Crusoes Wunsch nach menschlicher Gesellschaft verstehen,
nachvollziehen.
Dass ich alle Tiere mitnehmen würde, stand für mich außer Frage, nur den
schwerhörigen Weißen, der seit Neuestem zum Fressen erschien musste ich zurück
lassen. Dieser Kater lebte unterhalb von meinem Berg in einer Garage, wurde
einmal in der Woche von seinem Besitzer gefüttert. Das fehlende Futter holte er
sich bei mir vor dem Haus. Die Käufer meines Hauses würden ihn sicher weiterhin
füttern, wenn ich sie darum bat.
Für den Umzug wurde alles vorbereitet, Ferdinand und Teté Wochen vorher nur noch
in ihren Transportkisten gefüttert, damit sie nicht in Panik verfielen sobald
sich die Tür ihrer Box schloss.
Drei Tage vor dem Abreisetag war Teté plötzlich verschwunden. Es war
Montagabend, kein Teté kam zum fressen, Dienstagabend auch nicht. Donnerstag
Früh würde der Möbelwagen kommen. Ich konnte doch nicht ohne Teté Andalusien,
die Finca verlassen, wegen einer Katze aber auch nicht das teuere, von langer
Hand geplante „Unternehmen Umzug“ abblasen.
Ab Mittwochmittag rannte ich alle paar Minuten vor das Haus… es wurde
Nachmittag, es wurde Abend, kein Teté.
Ein letztes Mal ging ich gegen 23h vor das Haus, ein letztes Mal die
Nachtigallen im Tal unten singen hören.
Kein Teté…
Niedergeschlagen öffnete ich die Haustür – Teté stand maunzend in der Wohndiele.
Er musste mit mir ins Haus geschlüpft sein. Transportkiste auf, ein Löffelchen
Dosenfutter ganz hinten in die Box – Teté war drinnen. Tür zu, ich saß
erleichtert heulend vor seiner Transportbox.
Die zwei wilden Kater, Teté und Ferdinand, würden sich nach zwei langen Tagen
der Autofahrt an die Anwesenheit der ebenso durchgeschüttelten Hauskatzen
gewöhnt haben.
Als wir nach 26 Stunden Fahrt in der Eifel ankamen die Katzen in ihrem neuen
Zimmer saßen öffnete ich nur die Boxen. Sie waren durch die gemeinsame
Anstrengung der langen Fahrt aneinander gewöhnt, so wie ich es gehofft hatte, es
gab nie größere Probleme.
Teté ging die ersten Wochen seinen neuen Familienmitgliedern aus dem Weg. Er
nahm sie offensichtlich in Kauf um bei mir sein zu können. Saß ich auf der
Terrasse, war es selbstverständlich für ihn neben mir auf der Bank zu sitzen,
gegenüber auf einem Stuhl, oder gar auf meinen Beinen. Keine der anderen
Katzen wagte es Teté dieses Privileg streitig zu machen.
Momo der Siam und Puccini der riesige Tigerkater,
sonst die Anführer der Katzenbande, akzeptierten diese Bevorzugung meinerseits
von Teté. Als die Eingewöhnungsphase vorüber war, durften die Katzen in den
eingezäunten Garten. Ich hatte keine Zeit mich um sie zu kümmern, viele
Umzugskartons waren noch auszupacken. Zudem wusste ich, wenn Katzen Freigang
haben eine Katze ausbüchsen will, dann schafft sie es, so hoch der Zaun auch
sein mag. Momo der Siam schaffte es, Mex der Perserkater und natürlich Teté.
Mex plärrte jämmerlich am Zaun auf der
falschen Seite. Ich musste ihn zurück in den Garten tragen. Momo stand plötzlich
vor der Haustür und miaute herzerweichend, wollte wieder in den Garten. Als dann
am Abend alle Katzen wieder im Haus waren vermisste ich Teté. Er fehlte. War
nicht im Garten und auch um das Haus herum nicht zu finden. Ich konnte nur
hoffen, dass er freiwillig zurückkommen würde. Mitten im Wald eine Katze zu
suchen war aussichtslos.Dann hörte ich ganz leise eine Katze miauen, dicht am
Zaun. Teté, nur sein Kopf war zu sehen. Schnell um das Haus gelaufen mich vor
ihn hingehockt. Getragen hatte ich ihn noch nie. Wie in Andalusien, lief er
neben mir her bis ins Haus hinein, bei der Terrassentür wieder in den Garten
hinaus. Nie mehr ist Teté danach über den Zaun gegangen. Auf unserer Finca gab
es keinen Wald, ich nehme stark an, dass ihm die vielen Bäume Angst einflößten.
Momo ist der Einzige der nach wie vor über den Zaun geht, einige Zeit ums Haus
streift um dann vor der Haustür überlaut zu miauen, kund zu tun, dass er
umgehend wieder ins Haus wollte.
Zwei Jahre war herrlichstes Katzenwetter… sie konnten bis auf einige
Starkregen -und/oder Windtage ständig in den Garten gehen, wann immer sie
wollten. Der letzte Winter jedoch war für die Katzen sehr lang. Viele Tage
mit Minusgraden, selten mit Sonne. Ich konnte das Fenster, ihren Ausgang zum
Garten nicht öffnen die Katzen nicht ins Freie lassen. Teté saß oft am Fenster
blickte sehnsuchtsvoll hinaus, sah mich an und wieder in den Garten. Ich
verstand ja, dass er hinaus wollte. Es ging nicht, denn bei offenem Fenster
würde ich das teure Heizöl nur in die Eifeler Luft blasen. Ständig am Fenster
stehen geht auch nicht. Man hat schließlich mehr zu tun, als Fensteröffner für
die Katzen zu spielen.
Anfang Februar dann, eines morgens schmuste Teté sehr intensiv mit mir, saß auf
seinem Kratzbaum bei der Zimmertür, hielt mich mit einer Pfote fest, als ich das
Zimmer verlassen wollte. Ich streichelte ihn, versprach ihm, dass es bald wärmer
werden würde, er ganz bald wieder in den Garten gehen könne. Zwei Stunden
später saß ich am Computer als ich aus dem Katzenzimmer bedrohliches,
befremdliches Stöhnen hörte. Ich lief sofort hinter, kontrollierte zuerst mit
Blicken alle Katzen um festzustellen woher das Stöhnen kam.
Teté lag in seiner Hängematte an der Heizung und
schleckte mit der Zunge über das Mäulchen, doch es war irgendwie anders als
sonst. Die vier Schritte zu ihm hin währten ewig. Als ich ihn aus der Hängematte
hob war seine Seele schon gegangen…
Er war so unauffällig von mir gegangen wie er gekommen war.